Female Leadership in der Logistik: Vanessa Spiegel über Karriere, Mutterschaft und mutige Entscheidungen
- leadHER

- vor 3 Tagen
- 38 Min. Lesezeit
Vanessa Spiegel, Director Logistics bei Tom Tailor, hat einen Karriereweg eingeschlagen, der alles andere als geradlinig ist – und genau darin liegt seine Stärke. Von einem dualen Studium im Banking über einen mutigen fachlichen Neustart in der Logistik bis hin zu internationalen Führungsrollen in Asien zeigt ihr Werdegang, wie Wachstum entsteht, wenn man bereit ist, die eigene Komfortzone immer wieder zu verlassen.
In dieser Episode des leadHER Podcasts spricht Vanessa offen über Wendepunkte, die nicht planbar waren: den Schritt ins Ausland mit Mitte 20, ihre erste Führungsrolle fernab der Heimat – und die Herausforderung, Karriere und Mutterschaft miteinander zu vereinbaren, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Erfahre, warum sie Verantwortung nicht an Titel knüpft, weshalb echte Führung an der operativen Basis beginnt und wie Klarheit, Kommunikation und ein unterstützendes Umfeld es ermöglichen, auch als Mutter auf Executive Level wirksam zu bleiben.
Disclaimer: Dieses Transkript wurde mit KI erstellt. Es können Abweichungen zum Original-Audio vorkommen.

Hör jetzt das ganze Gespräch mit Vanessa.
Female Leadership Logistik: Das Gespräch mit Vanessa Spiegel
[Merlene]
Hi, ich bin Merlene und ich treffe mich jede Woche mit Frauen in Führungspositionen zum Kaffee, um mit ihnen über ihren Karriereweg zu sprechen. Ziel ist es dabei, auch wenn wir heute noch nicht 50-50 auf Führungsebenen haben, den nächsten Generationen eine Vielfalt an Vorbildern zu bieten und sie dazu zu inspirieren oder zu ermutigen, die Themen Karriere und Führung auch für sich zu entdecken. Meine Gäste thematisieren dabei auch, was für eine Rolle ihre Lebenspartner und andere Vertrauenspersonen beim Thema Selbstverwirklichung und Gleichstellung spielen.
Der Podcast ist also was für jeden, der Lust hat, eine faire Zukunft mitzugestalten. Mein heutiger Gast ist Vanessa Spiegel, die nach ersten Führungserfahrungen bei Gebrüder Heinemann und Tchibo nun Director Logistics bei Tom Taylor ist. Vanessa ist eine der ersten Führungspersönlichkeiten, die ich für einen leadHER Workshop rekrutiert habe und mit unserem ersten Vorgespräch hat sie dazu beigetragen, den Grundstein für diesen Podcast zu legen.
Mich hat damals ihre Einstellung als berufstätige Mutter und Führungskraft sehr beeindruckt und nach dem Gespräch dachte ich mir, schade, dass da nicht noch andere zuhören konnten. Heute kannst du zuhören beim Thema Female Leadership Logistik. Enjoy.
Herzlich willkommen, Vanessa, zur fünften Podcast-Folge von LeadHER. Wir geben hier vielen weiblichen Führungspersönlichkeiten eine Plattform, ohne selber eine Personal Brand aufbauen zu müssen, um sie auch sichtbarer zu machen und den nächsten Generationen mehr Vorbilder zu geben. Ich kenne dich schon ein bisschen, ich durfte dich schon ein bisschen kennenlernen.
Ich weiß, du bist mittlerweile Director Logistics bei Tom Taylor. Das ist aber eine ganz, ganz spannende Geschichte. Wie du da hingekommen bist und die darfst du jetzt mal erzählen.
[Vanessa Spiegel]
Vielen Dank. Ich freue mich auch sehr, dabei zu sein. Ja, also vielleicht fange ich tatsächlich ganz am Anfang an.
Ist ja, also ich bin jetzt mittlerweile viele Jahre glücklich in der Logistik. Es war aber ja nicht so, dass ich von Anfang an den Weg dahin gefunden habe, sondern auch schon so den einen oder anderen Umweg genommen habe. Ich komme selber aus einer Familie, wo es davor keinen Akademiker gab.
Also es war nicht so, dass mich jetzt jemand beraten konnte. Genau, also es war so, dass witzigerweise in meiner Kindheit halt eher Sport ein Thema war. Also meine Eltern sind beide Sportler, auch sehr erfolgreich gewesen.
Und für die war es eigentlich fast wichtiger, dass ich beim Sport erfolgreich bin als in der Schule. Das ist immer so ein Selbstläufer. Aber ich kann es mir nicht erklären.
Ich habe selber meinen Ehrgeiz mehr in Bildung gesteckt und nicht in Sport. Ich bin auch bis heute eigentlich ein bisschen faul, was Sport betrifft. Deswegen bewundere ich immer deine sportlichen Aktivitäten, die ich da so sehe.
Nein, aber also ich war schon auf jeden Fall ehrgeizig, schon immer. Und also mir selbst heraus habe ich dann geguckt, okay, was gibt es für Möglichkeiten für mich, Studium. Und natürlich, als junger Mensch lässt du dich halt auch beeinflussen.
Ich habe dann halt mir erzählen lassen, auch ja, hey, guck mal, Bank, das ist doch was Solides. Das ist doch was Klassisches, worauf man stolz sein kann. Und das sind doch dann Leute, die was aus sich gemacht haben.
Und ich bin halt viel insbesondere auch getrieben durch meine Oma. Ich habe mich dann informiert und ein Studium gemacht an der HSBA dual mit Finance Schwerpunkt bei der Haspa. Hatte da auch echt eine super Zeit, viele Chancen bekommen und habe aber für mich gemerkt, ich habe ganz viel versucht, immer noch das zu finden, was so richtig meine Passion ist.
Privatkundenbereich, dann sogar so Private Banking-Bereich und auch Firmenkunden. Und irgendwie ist die Flamme nicht so richtig entzündet, sagen wir mal so. Und genau, dann habe ich halt gedacht, okay, irgendwie sagt man doch, man arbeitet viel zu lange, um etwas zu machen, was man nicht richtig mit vollem Herzblut macht.
Und habe im Studium Logistik kennengelernt, eher über Operations Management, über Vorlesungen, die auf dem normalen BWL aufgebaut haben. Und habe dann irgendwie gemerkt, okay, das finde ich irgendwie total spannend, das interessiert mich. Da lese ich auch noch weiter in meiner Freizeit und möchte das verstehen.
Und Hamburg ist auch ein Stadthafen und viel Logistik, sodass der Standort sich auch ganz gut eignet. Und dann war das eigentlich fast so relativ am Beginn der erste Knick im Lebenslauf, dass ich dann gedacht habe, okay, ich möchte nicht das weitermachen, sondern ich glaube, ich möchte etwas anderes machen. Und habe dann versucht, mich quer ein bisschen zu bewerben.
Und das hat natürlich überhaupt nicht funktioniert, weil ich überhaupt keine Qualifikation auf dem Papier hatte, die es irgendwie attraktiv gemacht hat für einen Logistikdienstleister oder ein Unternehmen, was selbst Logistikabteilungen hat. Da hatte ich keinen Anknüpfungsbogen, war selber auch nicht im Ausland, hatte das so ein bisschen auch noch als für mich persönlich eine Lücke, die ich gerne noch mal irgendwann mitfüllen wollte. Und bin dann direkt nach dem Bachelor mit einem Kredit, den ich dann noch von der HASPA bekommen habe, als Abschiedsgeschenk, also sozusagen Studentenkredit, nach England gegangen und habe da meinen Master im Logistikbereich begonnen.
[Merlene]
Wie meinst du das als Abschiedsgeschenk?
[Vanessa Spiegel]
Naja, ich meine es eher scherzhaft natürlich, habe ich wie jeder normale Mensch einen Kredit da beantragt. Aber sie haben ein bisschen darüber gelächelt, dass ich ihnen sozusagen als Kunde für meinen Kredit treu geblieben bin.
Aber ich bin dann nach England und habe da meinen Master gemacht und das war für mich eigentlich ein überschaubares Risiko, dann zu sagen, ein Jahr, das geht schnell, dann ist man schnell wieder im Berufsleben auch und hat die Möglichkeit, Geld zu verdienen, selber einen Kredit dafür aufzunehmen, was zu machen, was man vorher noch nicht gemacht hat. Also es war halt einfach riskant und es ist auch nicht überall auf Gegenliebe gestoßen.
Ich erinnere mich noch auch an sämtliche Diskussionen, die ich dann in der Familie hatte. Du wirst irgendwelche Regale putzen, du wirst irgendwie mit dem Stapler rumfahren und Vanessa, das ist grauenvoll, warum machst du das? Ich muss auch noch zusagen, Logistik und Supply Chain war jetzt vor 15 Jahren auch noch nicht mit dem Stellenwert, den es heute hat glücklicherweise.
Mittlerweile ist es schon so, dass viele Unternehmen strategisch begriffen haben, dass das was Wichtiges ist, was man unter Kontrolle halten muss, was man auch aktiv managen muss. Aber zu dem Zeitpunkt war auch noch so gerade die Zeit, wo viele ihre Logistik outgesourced haben und gedacht haben, okay, das ist für mich kein strategisches Asset.
[Merlene]
Ich muss auch sagen, für mich waren die Fächer aus meinem BWL-Studium in Logistik, die die am meisten Früchte getragen haben, also bereichsübergreifend. Weil dieses Oh No Seven Ways, das sind ja diese Lean Production Principles, die einfach darauf abzielen, nicht so viele Ressourcen zu verschwenden. Das ist ja eigentlich was, was man auch logistikübergreifend anwenden kann.
Okay, wie ging es dann weiter?
[Vanessa Spiegel]
Ich bin zurückgekommen nach Deutschland und habe einen Traineeship angefangen bei Gebrüder Heinemann, die im Duty-Free-Bereich tätig sind, Familienunternehmen und schon in etwas größerem Mittelstand.
[Merlene]
Hast du das als Step Down empfunden, weil du ja in deiner Bankingkarriere sozusagen schon einen Schritt weiter warst als Traineeship?
[Vanessa Spiegel]
Gar nicht. Ich habe es eher als sehr positiv empfunden. A, finde ich auch bis heute, dass Traineeships gesellschaftlichen Ruhe das Ansehen haben.
Im Sinne von, man geht durch einen bestimmten Auswahlprozess, das Unternehmen investiert in die Ausbildung. Und das macht es ja nicht, damit du danach nicht irgendwas machst, was für sie auch relevant ist. Für mich war es aber vor allem hilfreich, weil ich keine relevante Berufserfahrung in dem Bereich hatte und dann noch mal mich auch austesten konnte.
Ich habe dann auch mit Blaumann im Lager mitgearbeitet und kommissioniert, sämtliche Packtätigkeiten gemacht, dadurch natürlich auch einen großen Einblick in die Prozesse bekommen. Und das war natürlich super, ich hatte schon früh für mich die Idee, ich möchte irgendwas mit Führung machen, ich möchte mich um Menschen kümmern in Gruppen und organisiert für den Erfolg des Unternehmens sorgen.
[Merlene]
Woher kam das?
[Vanessa Spiegel]
Ich glaube, durch Ehrgeiz vor allem auch und dass ich das Gefühl hatte, dass ich das gut könnte. Einfach weil ich immer jemand war, der empathisch war, aber der auch vermittelt hat, dass ein bestimmtes Ziel erreicht werden muss. Von daher fand ich das sehr hilfreich, die Möglichkeit zu haben, den Job auch selber mal auszuführen.
Weil wenn du nicht mal selber kommissioniert hast, wie willst du denn dann sagen, ich hätte jetzt irgendwie mehr Leistung von dir erwartet oder die Prozesse können so und so optimiert werden, wenn du selber nicht mal derjenige warst, der diese Laufwege machen musste oder der physisch das Gewicht tragen musste. Also das gehört für mich halt total zur Basisarbeit dazu. Aber halt auch ganz verschiedene andere Tätigkeiten im Transport, Zollabwicklung.
Was bedeutet es dann, eher eine strategische Tätigkeit in der Logistik zu haben, wie Projektmanagement, Controlling und dann aber auch angrenzende Bereiche nochmal sich anzugucken, wie Sales oder Customer Service. Weil im Prinzip meine Bankerfahrung vorher, da war ja kein physisches Produkt vorhanden. Und der Verkauf davon funktioniert ja nochmal anders und ist auch viel emotionalisierter, wenn das ein Produkt ist, was der Mensch auch nicht unbedingt vielleicht braucht für den täglichen Gebrauch, aber was dein Leben einfach irgendwie komfortabler macht.
Das war eine gute Entscheidung. Und dann hatte ich nach 18 Monaten die Möglichkeit, in ein Projekt einzusteigen, in meiner ersten richtigen Rolle, wo wir ein großes Lager in Frankfurt gebaut haben. Das war damals für Heinemann ein großer Schritt, weil selbstbetriebene Logistik war, eigene Läger, eigene Mitarbeiter.
Und die kamen von einer Ein-Lager-Strategie in eine Zwei-Lager-Strategie und mussten sich dann überlegen, wie bilden wir das ab? Beliefern wir bestimmte Kundengruppen aus bestimmten Lagern? Machen wir das anhand der Prozesse?
Und dann dieses ganze Projekt am Schluss zu begleiten, das hat natürlich schon viele Jahre angefangen, bevor ich überhaupt da war. Und ich durfte aber zum Schluss mit den Hochlauf machen. Also die Kunden dann in Betrieb zu nehmen, zu denen zu reisen und zu gucken, klappt das alles mit der Belieferung? Haben sie noch Rückfragen? Natürlich haben wir dadurch auch viele Kinderkrankheiten aufgedeckt, die dann noch in der Automatisierung waren. Wie zum Beispiel Packregeln noch nicht richtig, schön die schweren Flaschen nach oben drauf gedrückt auf die Chips, die da drunter lagen und so weiter.
Also solche Dinge. Ich finde wirklich, das habe ich noch nie so gehört, Kinderkrankheiten.
[Merlene]
Ja. Also in dem Kontext halt noch nie. Aber ich finde es auch sehr interessant, was du sagst, dass du auf jeden Fall auch im Traineeship dann Erfahrungen auf der Blue-Color-Ebene gemacht hast.
Das ist ja auch ein Prinzip, Go Where The Action is, dass du es halt auch richtig verstanden hast. Hast du das Gefühl, das hat dich dann besonders gut vorbereitet, um später eine Führungsrolle einzunehmen?
[Vanessa Spiegel]
Ja, auf jeden Fall. Also A, weil ich natürlich Verständnis hatte, wie fühlt es sich auf der anderen Seite an? B, es ist eigentlich bis heute für mich ein riesengroßes Geschenk gewesen, dass in meiner ersten Rolle, die ich dann gemacht habe, ich einen sehr guten Draht zu den Mitarbeitern hatte weiterhin, die operativ tätig waren.
Und dann kriegst du halt deine erste strategische Aufgabe und überlegst dir, wie kannst du irgendeinen Prozess optimieren. Das ist natürlich Gold wert, wenn du dann da ins Lager gehen kannst, dir das nochmal anschauen kannst und auch mit den Leuten darüber sprechen kannst, weil sie dich nicht so als Fremdkörper empfunden haben. So, ja, jetzt kommt eine von der Uni, die dann meint hier, sie guckt sich mal fünf Minuten an, was ich seit 13 Jahren mache, und meint, das hier optimieren zu können.
So haben sie mich nicht empfunden, weil ich war für sie jemand, der mal mitgearbeitet hatte, der wusste, was sie da tun und leisten jeden Tag, der das auch zu schätzen weiß, und die haben mir geholfen. Die haben mir dann auch eigene Ideen mitgegeben, die ich dann halt optimieren durfte, aber es waren nicht originär meine und das war einfach eine super Symbiose in dem Moment. Das Geschäft funktioniert ja bei Heinemann so, die bewerben sich dann um bestimmte Flughäfen, mit einem Tenderprozess, und dann kann es mal sein, dass du einen Zuschlag bekommst oder auch nicht.
Und dann musst du dir über viele Dinge, wie du das Projekt nachher machst, erst Gedanken machen in dem Moment, wo du den Zuschlag auch bekommst, weil ansonsten wäre das Ganze mit viel zu hohem Aufwand verbunden, wenn du die Ungewissheit noch hast. Wir hatten bei einem Tender in Sydney mitgemacht, für den Sydney Airport, hatten aber kein relevantes Geschäft in der Größe in Australien und auch in Asien zu dem Zeitpunkt nur in deutlich kleinerem Umfang und haben dann eigentlich so realisiert, okay, wir müssen das ja irgendwie beliefern, brauchen dafür auch irgendwie ein Lager.
[Merlene]
Ganz kurz, was heißt relevante Größe? Also im Kontext von Gebrüder Heinemann.
[Vanessa Spiegel]
Naja, also es bedeutet eigentlich nur, du musst dir überlegen, wie belieferst du sowas? Und wenn dein Lager in Europa ist, bedeutet das ja, jede Lieferung, die du erzeugst, ist per Luftfracht oder wochenlang auf See. Ein riesengroßer Shop, der eigentlich eine tägliche Belieferung braucht oder mehrmals täglich, für sowas funktioniert sowas einfach nicht.
Also vorher gab es kleinere Shops, auch in Sydney schon, das waren aber so Spezialitäten und da reichte halt ein kleineres Lager, um da halt für jeden Artikel noch Reserven zu haben und dann konntest du denen alle paar Wochen mal über eine Luftfracht oder eine Seefracht beliefern. Dann haben sie wochenlang auf ihre Waren geartet. Aber das hat natürlich nicht funktioniert in dem großen Umfang.
[Merlene]
Wir haben ja auch sehr viele junge Zuhörer. Kannst du mal so eine grobe Einschätzung vielleicht davon geben, was der Unterschied zwischen dem Lager dort war und einem Lager hier oder auch einem Geschäft in einem Hamburger Airport zum Beispiel?
[Vanessa Spiegel]
Man kann sich das ja gar nicht so vorstellen als Passagier, aber Duty-Free-Shops haben schon einen riesigen Durchsatz. Die werden halt alle täglich beliefert, sodass sie auch A-Artikel, die sich schnell drehen, haben sie dann selber nochmal in einem Airport-Lager liegen und füllen das zweimal täglich auf und kriegen dann einmal täglich ihre Lieferung, um halt die Artikel, die B- und C-Artikel sind, nochmal aufzufüllen oder die Nachschubbereiche nochmal zu versorgen. Da ist halt enorm viel Traffic, jeden Tag einmal durch.
Die Leute nehmen sich schnell was und gehen an die Kasse. Vielleicht um da mal so eine Hausnummer. Ich habe auch in meinem Traineeship mal die Chance gehabt, ein paar Monate in Oslo zu arbeiten.
Da gibt es eine Wand, in der Wein verkauft wird. Und da steht jeden Sonntag, also die ist von hinten hohl, und da müssen Mitarbeiter von hinten die Flaschen reinschieben, weil von vorne so viel rausgezogen wird, dass da permanent 2, 3 Leute am Sonntag drinstehen und das auffüllen. Und die verkaufen da halt eine komplette Lkw-Ladung von Wein. In dem einen Shop, an dem einen Sonntag.
[Merlene]
Und das ist nur Wein? Okay, dann kann man sich das ungefähr vorstellen.
Was sind so A-Artikel in so einem Hamburger Duty-Free-Shop?
[Vanessa Spiegel]
Die Top-Seller halt. Das können bestimmtes Parfüm oder bestimmte alkoholische Produkte sein, die halt großen Durchsatz haben. Aber da bin ich jetzt auch echt eine Weile raus.
Internationale Führung, Lernzonen & Wachstum außerhalb der Komfortzone
[Merlene]
Okay, das heißt, du warst dann in Australien. Und was für eine Aufgabe hattest du dort?
[Vanessa Spiegel]
Ich habe das Projekt unterstützt. Also ich war ja eigentlich immer noch, 1,5 Jahre nach meinem Traineeship war das dann so ungefähr, hatte diese Projektrolle eingenommen und habe dann nach diesem Hochlauf halt Australien unterstützt. In ähnlichem Umfang, ich bin dahin gefahren, hatte eigentlich nicht so genau gewusst, was mich dann erwartet.
Und dann geguckt, wo man da halt am besten supporten kann. Natürlich in so einem Hochlauf eines größeren Geschäfts ist halt viel Chaos am Anfang. Du kannst nicht alles so planen.
Und dann guckst du dir einfach an, in welchen Bereichen du am meisten Mehrwert stiften kannst und versuchst so ein bisschen das Chaos jeden Tag zu beseitigen. Ich glaube, so kann man das ganz gut beschreiben. Ich habe dadurch natürlich viele lokale Kollegen auch kennengelernt und mit dem Team vor Ort gearbeitet.
Und das hat dann halt auch super viel Spaß gemacht. Dann hatte ich einen Abend einen Anruf von meinem Chef aus Hamburg, der für die Logistik in Hamburg verantwortlich war.
Der mich dann gefragt hat, Hey Vanessa, du bist jetzt ja schon zwei Monate in Sydney und ich habe gehört, das läuft ganz gut mit dem Team. Und die Kollegen, die sagen, sie können auch gut mit dir zusammenarbeiten. Könntest du dir vorstellen, etwas länger im Ausland zu bleiben?
Und ich habe irgendwie gar nicht viel darüber nachgedacht. Dann war ich schon so gedanklich bei Sydney. Ja, hier ist es total super.
Die Stadt gefällt mir auch gut. Na klar kann ich mir das vorstellen. Dann sagte er, nee, Moment. Also schön, dass du dir das erstmal vorstellen kannst. Aber es geht nicht um Sydney, sondern es geht um Singapur. Und Singapur war damals oder ist auch bis heute das Headquarter für den Asia-Pacific Raum von Gebrüder Heinemann.
Und da wurde mir dann die Logistikleitung angeboten. Und das war tatsächlich dann meine erste Führungsrolle. Ich war zu dem Zeitpunkt 26.
Und ich war vorher auch noch nie in Asien, hatte keinen besonderen Bezug auch dazu. Und habe dann gesagt, okay, ja, ich kann mir das gut vorstellen. Und ich würde da aber gerne einmal vorbeischauen vorher.
Dann bin ich da auf meinem Rückflug zwischengelandet in Singapur und habe mir das zwei Tage angeguckt und die Kollegen so ein bisschen kennengelernt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber eigentlich schon für mich entschieden, dass ich das auf jeden Fall machen möchte. Ich muss halt auch sagen, ich bin immer ein Mensch gewesen, der nicht viel Risiko gescheut hat.
Ich kann dir nicht genau sagen, woran es liegt. Ich glaube, das war einfach schon immer so. Aber wenn es halt irgendwas Neues gab, dann war ich eher derjenige, der gesagt hat, okay.
Und dann später manchmal gesagt hat, ach du Scheiße, du hast dir ja gar keine Gedanken darüber gemacht, dass du dann in dem Moment vielleicht auch mal vor der einen oder anderen Situation Angst hast oder dass du komplett alleine dahin gehst und auch am Wochenende niemanden kennst, mit dem du irgendwas machen musst. Also ich bin halt eher so jemand, der sagt, ja, ich versuche das mal. Und dann finde ich schon später raus, wie es funktioniert.
Und so war das dann halt auch da. Das war aber am Wochenende dann manchmal crazy, sich dann zu überlegen, okay, was mache ich denn jetzt hier eigentlich?
Ich kenne ja überhaupt keinen. Damals war noch Facebook so ganz groß.
Das ist jetzt auch schon ein paar Jahre her. Und ich habe mir dann da so Expert-Gruppen gesucht, die sich da getroffen haben und habe mich da angeschlossen und habe witzigerweise auch echt viele Freunde so gefunden, mit denen ich bis heute Kontakt habe, die mittlerweile dann auch teilweise wieder in Deutschland sind. Einige sind dann auch noch nach Hongkong gegangen oder mittlerweile in der Schweiz oder was auch immer.
Sämtliche Konstellationen, aber total spannend.
[Merlene]
Du hattest bei unserem Workshop so ein tolles Modell mit der Komfortzone, der Lernzone und das Letzte war? Panikzone.
Kannst du da vielleicht nochmal kurz drauf eingehen?
[Vanessa Spiegel]
Ja, also es ging inhaltlich ja darum, dass jeder Mensch seine Komfortzone hat. Das sind Sachen, die uns leichtfallen, die wir gerne tun, in denen wir auch ein Stück weit gut sind. Aber genau das immer wieder zu machen, bedeutet, dass wir auch nichts Neues dazulernen.
Und wenn wir uns entwickeln wollen, dann sollten wir halt immer danach streben, diese Komfortzone zu erweitern. Und das führt uns dann erst mal in Dinge, die uns nicht so bequem sind, in die Lernzone. Also Dinge, wo wir sagen, okay, ich versuche es mal.
Ich habe jetzt vielleicht auch kein Repertoire dafür, dass ich das schon zwei-, dreimal gemacht habe.
[Merlene]
Für mich ist das Podcast schneiden. Das ist meine Lernzone, wo ich mich jetzt einlernen musste. Und jetzt habe ich auch ein bisschen besseren Komfort da drin.
[Vanessa Spiegel]
Ja, aber das ist genau das, was ich vorher auch zu dir sagte, bevor wir angefangen haben, die Aufnahme zu machen. Du kannst halt enorm stolz darauf sein, was du dann so nebenbei noch für Fähigkeiten für dich selber erschließt. Wer weiß, wofür du das im Leben nochmal brauchst.
Und genau das ist es halt auch mit der Lernzone, weil man für sich so ein bisschen das Mindset entwickelt hat. Ich habe jetzt erst mal keine Angst davor, irgendwas zu machen, was ich noch nie gemacht habe, sondern es wird mir ja langfristig total viel nützen, dass ich entweder für mich herausgefunden habe, das ist gar nichts für mich, das liegt mir nicht, oder ich erschließe irgendwelche Talente nochmal. Das ist eigentlich eine total schöne Einstellung.
Das Einzige, was man halt dabei bedenken sollte, Panikzone, ist halt sich selber nicht zu sehr zu überfordern, weil in der Panikzone, also wenn man sich dann wirklich zu doll aus dem Terrain rausbewegt, ist man halt nicht mehr wirksam. Und das ist dann eher destruktiv. Deswegen muss man halt aufpassen, dass man kleine Schritte macht und halt auch jeder für sich in seinem eigenen Tempo unterwegs ist.
Aber der Schritt nach Asien zu gehen, war auf jeden Fall für mich auch einer aus der Komfortzone raus.
[Merlene]
Ja, es wirkt generell so, als hättest du eine sehr, sehr breite Lernzone, beziehungsweise der Schritt für dich war eigentlich gar nicht so schwer, da reinzutreten, also so aus deiner Komfortzone raus. Sowohl irgendwie dann nach Sydney zu gehen, als auch zu sagen, okay, dann gehe ich jetzt nach Singapur danach auch. Irgendwie ist deine Lernzone sehr breit gefühlt.
Es wirkt nicht so, als würdest du sehr schnell in die Panikzone kommen. Passiert das auch mal?
[Vanessa Spiegel]
Klar, auf jeden Fall. Oh, zum Beispiel gerade in diesem Asien-Step. Da haben wir relativ kurz, nachdem ich da war, mit einem größeren Joint-Venture unser Business halt versiebenfacht.
Was dann dazu geführt hat, dass ich plötzlich angefangen mit einem Team von vier Personen ein viel größeres Team führen musste, selber Einstellungen vornehmen musste, das Lager umziehen musste in eine deutlich größere Facility. Dann bin ich ständig nach Malaysia gereist. Und das waren halt auch so Sachen, wo ich dann manchmal abends im Bett lag und dann gefühlt nicht zur Ruhe gekommen bin, hatte die ganze Zeit das Gefühl, ich spüre meinen eigenen Puls.
Und das war auch Stress, auf jeden Fall. Und da dann halt selber den Weg wieder rauszufinden und für sich selber zu sagen, boah, ja, erst mal akzeptieren, das ist gerade Stress, das ist ein bisschen too much für dich. Was machst du jetzt?
Weil in diesem Stadion verharren bringt dich ja auch nicht weiter. Was davon kann jetzt erst mal vielleicht geparkt werden? Oder welche anderen Themen belasten dich gerade, die du für dich lösen musst?
Und ich glaube, dass viele Menschen, die bestimmte Erfolge für sich im Leben verzeichnet haben, die sind alle immer mal an den Punkt gekommen. Und wenn man sich mit solchen Menschen unterhält, dann hat jeder so irgendwie seine eigene Geschichte.
Das gehört halt irgendwie echt dazu. Und natürlich auch irgendwann mal für sich zu sagen, okay, das war jetzt nicht geil.
[Merlene]
Das heißt, du hast auch eine Panikzone auf jeden Fall. Und in die geht es auch ab und zu rein. Aber du hast für dich auf jeden Fall einen Weg gefunden, damit umzugehen und dann aus der Überforderung raus, wieder in die Lernzone zu kommen.
[Vanessa Spiegel]
Ja, bisher hat es immer geklappt. Aber das soll ja nicht bedeuten, dass es irgendwann nicht mal ein Moment ist, wo man selber dann auch sich professionelle Hilfe holen muss. Das will ich gar nicht ausschließen.
Aber das würde mich trotzdem nicht davon abbringen, es zu versuchen immer wieder, mich selber zu entwickeln und für mich halt auch neue Themen zu erschließen. Weil jetzt kommt so ein bisschen der Gegenpull. Natürlich bin ich auch ein Typ, dem schnell langweilig sonst wird.
Und der das auch für sich braucht, dass ich dann permanent neue Themen erschließe.
[Merlene]
Das heißt, wir sind in deinem Lebenslauf jetzt an dem Punkt, du bist in Singapur, hast auf einmal ganz viel Verantwortung, darfst ganz viel lernen, wächst dabei sehr viel. Wie geht es dann weiter?
[Vanessa Spiegel]
Ich habe in Singapur meinen Mann kennengelernt, also mein heutiger Mann, genau. Witzigerweise kommt er aus Kiel.
Also es hätte ja von sonst wo aus der Welt kommen können. Ich habe meine Mutter damals angerufen und erzählt, Mama, ich habe jemanden kennengelernt. Und die erste Reaktion von ihr war so, oh Gott, nein.
Weil es ging natürlich irgendwie gleich Kopfkino an. Vanessa hat jemanden kennengelernt, der kommt nicht aus Deutschland. Vanessa kommt nie wieder nach Hause.
Das ging ja alles los. Nein, mein Mann kommt aus Kiel und hat auch selber in Asien gearbeitet. Und dann hatten wir zusammen fast ein Jahr zusammen in Asien.
Und dann ist er wieder nach Deutschland gegangen. Ich habe relativ schnell für mich gemerkt, okay, das ist was Besonderes, was ich da habe. Und das ist was, was ich auch pflegen möchte und möchte dem die Chance geben.
Und das war natürlich nicht ganz einfach über die Distanz und dem Zeitunterschied auch. Es war dann halt so, dass wir immer so telefoniert haben, dass es bei mir schon Nacht war oder bei ihm schon Nacht war. Man hat halt keine gute Überschneidung, wenn beide voll berufstätig sind.
Und wir haben das dann halt auch ein Jahr so gemacht.
[Merlene]
Okay, aber das muss man auch richtig wollen.
[Vanessa Spiegel]
Absolut, genau. Und das war dann halt von allen möglichen verrückten Dingen geprägt das Jahr. So, dass wir auch zum Beispiel uns mal in Dubai getroffen haben, weil es die Mitte ist und weil wir uns sehen wollten.
Und haben dann halt auch geguckt, dass wir uns zumindest mal alle 2, 3 Monate auch sehen. Dadurch halt viel gestückelt, Urlaub genommen. Und ich habe dann signalisiert, dass ich gerne nach Deutschland zurückkommen möchte.
Und habe dann versucht, Lösungen zu finden, auch mit der Firma. Und das hat leider nicht so gut funktioniert. Das ist eigentlich was, was ich bis heute z.B. traurig finde. Und auch, wo ich denke, hätte ich zu dem Zeitpunkt, wenn ich darüber mittlerweile mit etwas Abstand nachdenke, kompromissbereiter sein können. Aber der Knackpunkt, den wir damals hatten, ist gar nicht so ein untypischer. Du hast halt als Expert ganz viel gesehen, hast über den Tellerrand geguckt, hast enorm viel Verantwortung für dich selber erschlossen, die du vorher nicht hattest.
Und mein Chef hat damals dann gesagt, okay, Vanessa, jetzt hast du das in Asien da gemacht, 2,5 Jahre. Du hast aber noch nie Deutsche geführt. Und du weißt ja vielleicht auch gar nicht, das ist ja auch alles ganz anders.
Und hier im Headquarter, da funktionieren die Dinge ganz anders. Und was er damit meinte, war natürlich auch, dass ich viel zu jung war, um da eine adäquat ähnliche Funktion zu übernehmen. Zumindest in dem Kosmos, in dem die Menschen da unterwegs waren, hab ich halt um mich auch geguckt.
Und natürlich waren alle anderen Führungskräfte da deutlich älter. Abteilungsleiter waren alle um die 50. Und ich war halt immer noch nicht 30 und meinte halt, in der Liga jetzt mitspielen zu können.
Das hat natürlich so ein bisschen zu Kollisionen geführt. Gar keine Frage.
Tatsächlich haben wir trotzdem versucht, über 2, 3 Wege da eine Lösung zu finden. Hat aber leider am Schluss nicht funktioniert. Und hat dann dazu geführt, dass ich zu Tchibo gewechselt bin.
In 2018. Und hab da die Inbound-Logistik übernommen. Und das war eigentlich auch so ein lustiger Step.
[Merlene]
Wir müssen ganz kurz einmal die Begrifflichkeiten klären, glaube ich. Was heißt Expert und was heißt Inbund-Logistik?
[Vanessa Spiegel]
Ah, Expert, also Menschen, die für ein Unternehmen im Ausland tätig sind. Auf meistens noch ihren ursprünglichen Kontrakten, die sie für die Firma in Deutschland hatten. Und dann bestimmte Zusatzleistungen bezahlt.
Also so etwas privilegiert, sagen wir mal so. Und dann Repatriation ist, wenn du zurückkommst. Und dann versucht man, dich wieder in das ganz normale Umfeld zu integrieren.
Und das funktioniert halt oft nicht. Weil du natürlich sowohl finanziell als auch, was deine eigentliche Rolle betrifft, enorm viele Privilegien hast im Ausland.
Und dann bist du ja auch oft nicht bereit, dann zu sagen, ja, alles klar. Das war jetzt 3 Jahre toll oder 5 Jahre toll. Und jetzt verzichte ich auf das alles wieder und mache eine ähnliche Rolle im Zweifel wie vor meiner Expert-Zeit.
[Merlene]
Aber da wären wir ja wieder bei der Lernzone und der Komfortzone. Das wäre ja dann wahrscheinlich wieder so ein Schritt zurück. Und du hast ja schon gesagt, dass du das auch total brauchst, Neues zu lernen, so neue Herausforderungen.
Was übrigens auch sehr, sehr toll ist und eine Top-Vorbildfunktion, würde ich sagen, weil das ja sehr oft bei Frauen beobachtet wird, dass sie sich Rollen nicht zutrauen. Wenn sie 90% der Kriterien erst erfüllen, dann trauen sie sich erst, sich auf Stellen zu bewerben z.B. Und das ist bei Männern eher anders, dass sie sagen, okay, ich habe vielleicht 60%, aber ich kann das andere lernen. Und deswegen finde ich das irgendwie besonders cool, dass du das auch hast, dass du sagst, okay, ich mache das erst mal und ich kann das ja alles dazulernen.
Ich muss ja nicht von Anfang an perfekt sein. Und das war ja auch unser Workshop, Mut zur Führung. Und wie ging es dann weiter?
Stopp, noch, was ist Inbound Logistik?
[Vanessa Spiegel]
Inbound Logistik, genau. Inbound Logistik, Beschaffungslogistik. Wenn viele Unternehmen, die im Ausland produzieren, z.B. Textilbranche, vorwiegend in Asien, dann ist die Inbound Logistik der Part, der dafür sorgt, dass die Ware z.B. mit Seefracht oder Luftfracht nach Europa transportiert wird, dann im Entladehafen so verzollt wird, dass sie befördert werden darf. Und dann dieser Transport bis zum Lager, das gehört alles zur Inbound Logistik. Und dafür war ich dann bei Tchibo verantwortlich für den Bereich Nonfood und Kaffee. Und eigentlich hatte ich überhaupt keine Ahnung von dem Job, wenn wir mal ehrlich sind, weil ich sehr viel aus dem Warehousing-Umfeld kam, da viel gemacht habe.
Und natürlich in Asien, dadurch, dass es die Gesamtlogistikleitung war, auch was mit Transporten zu tun hatte, aber natürlich im viel kleineren Umfang. Und auch nicht mit Transporten über Langstrecke im Seebereich. Ich finde es bis heute eigentlich verblüffend, dass die Person, die mich damals interviewt hat für die Stelle, offenbar auch einfach mir abgenommen hat, dass ich das hinkriege, das zu lernen.
Weil das Team, was mich da am 1. Tag empfangen hat, war total fassungslos, als ich sie erst mal gefragt habe, ja, was ist denn Nachlauf und was ist denn THC? Also das sind schon so spezielle Begriffe.
Aber natürlich kannte ich mich damit nicht aus und hatte ein Team, wo viele über die Jahre in seniorigere Rollen selber gerutscht waren. Also so von dem operativen Mitarbeiter zu dem Mitarbeiter, der mehr prozessgelagerte Themen gemacht hat. Die Führungskraft war auch jemand, der vorher viele Jahre das in dem Bereich gemacht hat.
Und ich kam dann da an und hatte so den Eindruck, hey, ich kann schnell lernen. Ich glaube, ich kann gut führen. Und ich möchte euch hier unterstützen mit allem, was es braucht.
Und was ist überhaupt ein Nachlauf? Und dann habe ich natürlich in riesengroße Augen geguckt. Das hat aber super geklappt, wirklich.
Also wir haben da, ich habe enorm viel gelernt, hatte dann erst mal Kollegen, die sich auch dementsprechend um mich gekümmert haben. Hatte aber auch das Gefühl, dass es einfach ein guter Match war, weil gerade so in dem Bereich Teamwork, Teamstruktur, wer macht welche Aufgaben, wie ist die Motivation in dem Team, dass ich auch relativ schnell was geben konnte, was die Kollegen unterstützt hat, nach vorne gebracht hat. Sodass wir alle gemeinsam eine ziemlich gute Lernkurve hatten.
[Merlene]
Was war da so die Brücke, dass dir am Anfang eigentlich das fachliche Wissen so ein bisschen gefehlt hat? Was konntest du da von Anfang an reingeben?
[Vanessa Spiegel]
Also ich bin im Januar gestartet. Das ist ja so die klassische Grippewelle, Krankheitswelle. Und da sind nach und nach einige Kollegen ausgefallen.
Das Team war so aufgestellt, dass jeder seine Spezialaufgabe hatte, aber nicht so richtig rechts und links wusste, was machen die anderen Kollegen und ich mache hier mein Part. Das hat dann dazu geführt, dass wir über Wochen Probleme hatten, weil immer irgendjemand in der Kette nicht da war und dann halt nichts mehr nachkam. Also jetzt, um das mal plakative zu machen, wenn eine bestimmte Person sich um die Seefrachten gekümmert hat, dann ist, als die Person krank war, dann irgendwann keine Seefrachten mehr nachgekommen.
Dann konntest du natürlich schön die Container verzollen, die im Hafen ankommen und die da auf dem Lkw stellen, die ankamen. Aber wenn irgendwann nichts mehr ankommt, dann hat ja keiner im Team noch das Gefühl, dass er wirksam arbeiten kann. Genauso als dann in der Mitte die Verzollung weggebrochen ist, dann sind zwar hinten neue Container draufgekommen und vorne hätten sie abgeholt werden können, aber erst, wenn sie verzollt sind.
Das hat einfach relativ schnell gezeigt, welche Schwachstellen dieses Team hat. Dadurch, dass ich von außen so raufgeguckt habe, konnte ich relativ klar sagen, genau das ist eigentlich euer Problem. Während die Leute, die sehr tief im Detail waren, wahrscheinlich nicht mehr so abstrahieren konnten, weil sie sehr systemgefangen waren.
Dadurch konnten wir dann relativ schnell für uns als Thema festlegen, dass wir diese Struktur ändern wollen, diesen Engpass bearbeiten wollen und mussten uns crossfunktional trainieren. Was für mich bedeutet hat, ich konnte alle Dinge lernen, die die anderen Teammitglieder jeweils als Spezialität mit einbringen konnten.
[Merlene]
Klingt sehr interessant. Es ist ja wirklich manchmal so, dass man, wenn man selber drinsteckt, gar nicht mehr so diese Weite oder die Distanz zur Aufgabe hat, um wirklich zu sehen, wenn wir eine bestimmte Sache anwenden würden, dann würde der gesamte Prozess irgendwie besser laufen.
Es ist einfach eine extreme Schwäche. Aber es klingt auf jeden Fall total gut und auch interessant, dass du dann nicht fachlich direkt so 100% da warst, aber trotzdem gut führen konntest, dadurch, dass du den Prozess optimiert hast und wahrscheinlich auch das Team sehr gut geführt hast. Wie ist es dann für dich weitergegangen?
Karriere & Mutterschaft – Führung neu denken und Rahmenbedingungen aktiv gestalten
[Vanessa Spiegel]
Ich bin in dem Jahr dann im Herbst schwanger geworden und das war ungeplant. Und deswegen für mich auch so ein riesengroßes Thema, wo ich eigentlich bis heute lache, wenn ich so nachempfinde, wie diese Wochen für mich waren. Natürlich, ich wusste halt für mich immer, ich möchte irgendwann meine Familie haben.
War zu dem Zeitpunkt 29 und habe halt immer gedacht, Menschen, die Karriere machen wollen, die können später Kinder bekommen, weil das ja auch so ein Thema ist, was für viele Menschen sehr präsent war um mich herum und ja auch heute noch präsent ist, dass man sieht, dass teilweise mit Mitte 30, Ende 30 viele Bekannte ihr erstes Kind bekommen haben. Und von daher war das Thema so unfassbar weit weg für mich. Und dann war das echt ein Schock, das ich von meiner Schwangerschaft erfahren habe.
Und gleichermaßen wusste ich ja irgendwie, okay, das ist der richtige Partner. Hier sind alle Basisvoraussetzungen eigentlich da. Und man bekommt halt auch im privaten Umfeld mit, was das eigentlich mit den Menschen macht, wenn das dann manchmal nicht funktioniert.
Dann konnte ich das auch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, zu sagen, okay, jetzt ist für mich emotional noch nicht der richtige Zeitpunkt. Weil man ja auch weiß, wann kommt denn eigentlich der richtige Zeitpunkt? Dann hast du in zwei Jahren nochmal die Chance, deinen Job zu wechseln.
Es kann ja immer was passieren. Und mein Mann und ich haben uns dann entschieden, also wir waren zu dem Zeitpunkt noch nicht verheiratet, dass wir das Kind bekommen. Aber ich habe das erst in der 25. Schwangerschaftswoche erzählen können. Also hatte zu dem Zeitpunkt auch echt schon Bauch und habe total weite Kleidung getragen, damit man das nicht sieht, weil ich war noch nicht so weit.
[Merlene]
Was heißt, wem erzählen können?
[Vanessa Spiegel]
Meinen Kollegen bei der Arbeit. Selbst unserer Familie haben das relativ spät erzählt. Das ist neun Wochen, bevor du in den Mutterschutz gehst. Also zwölf Wochen wartest du meistens.
Und dann erzählst du es deinem Arbeitgeber. Also ich hatte schon die doppelte Zeit gewartet und es nicht erzählen können, weil ich für mich emotional noch nicht so weit war.
[Merlene]
Sechster Monat ist es dann ungefähr. Das ist schon relativ weit. Und das konntest du verdecken mit der Kleidungstechnik?
[Vanessa Spiegel]
Aber natürlich war das dann halt auch so, dass als ich das dann erzählt habe und das erste Mal nicht mehr versteckt habe, für viele Kollegen total schlagartig war. Vanessa, du bist über Nacht so schwanger geworden, weil sie das ja nicht miterlebt haben, dass das langsam gekommen ist. Das lag halt einfach daran, dass ich noch nicht bereit war, diese Gespräche zu führen, wie ich mir das dann vorstelle.
Ich als Mutter, ich nicht mehr in dem Beruf. Also ich muss halt auch schon sagen, meine Arbeit ist für mich halt ein enorm wichtiger Teil meiner Persönlichkeit. Und halt auch was, woraus ich Kraft nehme, was mir enorm viel Spaß macht.
Und ich hatte halt Sorge in dem Moment, dass ich vielleicht auch in dieser Mutterrolle nicht zufrieden bin, unzufrieden mit mir selber. Und das dann auf das Kind übertrage, was ich gar nicht dafür kann. Von daher, ich brauchte wirklich Zeit, das mit mir selber auszumachen.
[Merlene]
Und was war jetzt der genaue Grund, wieso du es auf der Arbeit nicht erzählen wolltest? Also hattest du Angst, dass du dann in deiner Rolle reduziert wirst oder anders wahrgenommen wirst? So als, ah, die ist eh bald raus?
[Vanessa Spiegel]
Also erst mal war es ja irrelevant, Arbeit und privates Umfeld war dasselbe. Ich konnte sehr spät erst darüber sprechen.
[Merlene]
Ah, okay. Das macht das Ganze nochmal komplexer.
[Vanessa Spiegel]
Ja, ist so, genau. Und für mich war es halt so, dass ich so dachte, okay, ich brauch erst einen Plan für mich, bevor ich das Thema thematisiere. Weil ich selber zu dem Zeitpunkt es schon kannte, als Führungskraft, wenn mir Mitarbeiter erzählt haben, dass sie schwanger sind, dann ist natürlich meine erste Frage, die ich als Führungskraft habe, nachdem ich natürlich signalisiert habe, dass ich mich darüber freue.
Und ganz oft ist ja auch ein längerer Wunsch schon dahinter. Dann interessiert mich natürlich, wie lange wollen die Kollegen Elternzeit nehmen? Wie wollen sie danach ihre Situation regeln?
Mit wie vielen Stunden wollen sie zurückkommen? Und das waren dann alles Themen, wo ich sagte, okay, ich muss das für mich beantworten, bevor ich dieses Thema offen kommuniziere. Und für mich war relativ früh klar, dass ich eigentlich gerne in Vollzeit zurückkommen würde.
Und von daher musste ich auch erst mal organisatorisch die Basis dafür schaffen, einen Betreuungsplatz auch in dem Umfang. Und hatte dann halt auch Sorge, wie Leute darauf reagieren, wenn ich sage, ja, ich möchte gerne auf meine Rolle zurückkommen und ich möchte in Vollzeit zurückkommen. Aber es ist halt auch was, was man über die Zeit lernt.
Egal, was du machst, es wird immer Menschen geben, die das toll finden. Und genauso Menschen, die es kritisieren, die meinen, sie haben einfach ein anderes Lebensmodell. Also ganz egal, wie du es machst, machst du es immer für irgendwen falsch.
Also mach es halt für dich selber richtig. Damit kannst du ja am besten leben. Von daher habe ich das dann auch wirklich so gemacht.
Und bin, als mein Sohn sieben Monate alt war, bin ich zurückgekommen. In Vollzeit.
Und auf dieselbe Rolle. In der Zwischenzeit hatten, also wir haben dann halt so ein Modell gefunden, dass es Führungskräfte für zwei Teams gab. Und mein damaliger Chef hat dann auch noch so übergeordnet ein paar Tätigkeiten übernommen.
Aber die haben das dann sechs Monate ohne mich gerockt. Und ich bin danach zurückgekommen und durfte auf dieselbe Rolle zurückkehren, was ich als enorm schön empfunden habe.
[Merlene]
Das heißt, die Rolle wurde auch für dich freigehalten?
[Vanessa Spiegel]
Genau. Da muss ich halt auch sagen, dass es für mich eine extrem positive Erfahrung war. Das hätte ich nicht so erwartet.
Und ich glaube, auch viele Frauen heutzutage machen immer noch andere Erfahrungen. Aber ich glaube, man sollte einfach versuchen, solche Lösungen anzustreben. Und natürlich, ich habe das vorher thematisiert.
Ich hatte mir das erst mal selber überlegt, dass ich das so möchte. Aber das reicht ja nicht. Sondern es gab auch ein ganzes Netzwerk an Menschen, die mich unterstützt haben, das so umzusetzen.
Bedeutete natürlich aber für mich auch, dass ich nach sechs Monaten zurückkommen muss. Weil länger hätte ich denen das nicht zumuten wollen, hätten sie es auch nicht machen wollen. Es hat einfach für alle gut gepasst in dem Moment.
[Merlene]
Das heißt, bevor du aus dem Unternehmen ausgeschieden bist, habt ihr festgelegt, wie der Plan sein wird, wenn du zurückkommst. Und dann habt ihr es auch genauso umgesetzt?
Und was ich irgendwie aus unserem ersten Gespräch erinnere, war, dass du meintest, dass du es sehr offen mit deinem Chef auch besprechen konntest. Was ich besonders schön fand an deiner Darstellung, ich kann die genauen Worte, glaube ich, nicht wiedergeben, aber dass du meintest, als Führungspersönlichkeit hast du ja trotzdem einen Wert für das Unternehmen. Du hast dann halt einfach ein Kind.
Aber du kannst es ja trotzdem noch umsetzen. Du brauchst dann vielleicht ein bisschen andere Rahmenbedingungen.
Habt ihr von den Rahmenbedingungen was angepasst? Also was so Meetingzeiten angeht?
[Vanessa Spiegel]
Natürlich muss man dazu auch noch sagen, das hat auch alles nur funktioniert, weil mein Mann auch gleichermaßen Aufgaben übernommen hat, die mit unserem Kind zusammenhängen. Also er war derjenige, der unseren Sohn morgens immer in die Kita gebracht hat. Ich war diejenige, die der Abholer war.
Und das bedeutete für mich, dass ich um 16 Uhr los muss und dann den Kleinen abhole. Und das war was, was ich natürlich vorher abstimmen musste. Und das ist auch was, wo ich sage, bis heute bin ich eigentlich die Person, die am meisten sich selber umstellen musste.
Ich glaube, man empfindet, wenn man selber aus irgendeinem Grund, sei es, dass du Kinder hast oder privat vielleicht jemanden aus der Familie betreust, dich um irgendjemanden kümmerst oder noch andere Tätigkeiten übernimmst, wie an der Universität nebenbei arbeiten oder so. Das erfordert immer viel Koordination und Kommunikation. Und du musst derjenige sein, der sagt, hey, das und das passt nicht für mich.
Und das dann auch konsequent so kommunizierst. Z.B. ich habe mir dann im Kalender jeden Tag einen Blocker eingestellt und habe dann ein paar Mal auch Meetings bekommen zu den Zeiten. Aber das hat relativ schnell nachgelassen, weil ich zu dem Zeitpunkt dann immer kommuniziert habe, hey, tut mir leid, ich schaffe die Zeit leider nicht, weil ich los muss meinen Sohn von der Kita abholen.
Und ich hätte persönlich gedacht, dass es viel extremer sein wird. Aber solange ich das für mich klar hatte, dass ich gar nicht kann, haben das alle Menschen um mich herum relativ schnell verstanden und auch akzeptiert. Ich habe deswegen nie Kritik bekommen.
Natürlich ist es auch bis heute so, dass ich, wenn mal was ist, das auch versuche zu ermöglichen. Aber ich darf halt nicht dauerhaft wieder von meiner eigenen Regel Abstand nehmen. Und dann weiche ich das auf.
Und dann versteht das natürlich irgendwann auch keiner mehr um mich herum, ob es jetzt geht oder nicht geht. Solange du es für dich relativ klar hast, finde ich, dass das Umfeld es relativ schnell versteht.
[Merlene]
Wahrscheinlich hat man da als Führungskraft irgendwie auch nochmal einen anderen Hebel, um das selber umzusetzen, oder? Als Angestellte selbst ist es vielleicht, also du hast ja einfach nicht die gleiche Seniorität.
[Vanessa Spiegel]
Ja, ich glaube, du musst es einfach für dich einfordern. Und dann, natürlich ist etwas für sich einfordern leichter, wenn man öfter Dinge einfordert, für sich selbst, für sein Team. Aber am Ende des Tages sage ich mir, das ist kein Unterschied.
Es ist relativ klar für sich zu sagen, hey, das und das funktioniert für mich nicht. Aber davor, danach kann ich bestimmte Sachen machen und bin ein wertvolles Mitglied dieses Teams. Das ist, glaube ich, etwas, was man für sich selber klarkriegen muss.
Ich möchte auch nicht verschweigen, dass ich natürlich fast jeden Abend noch kurz meinen Laptop aufklappe, gucke, was ist noch passiert. Gibt es irgendwelche Themen, um die ich mich jetzt gerade noch kümmern muss? Natürlich gehört das zu meiner Aufgabe dazu.
Und natürlich weiß jeder meiner Kollegen, wenn irgendwas Dringendes ist, dass sie mich auch permanent erreichen können. Aber Meetings permanent mit Kamera an und so weiter zwischen 16 und 18 Uhr funktioniert für mich nicht, weil das ist so die Zeit der Familie. Das ist eigentlich sehr akzeptiert.
[Merlene]
Ich sehe dich auch immer arbeitend. Jede freie Minute habe ich das Gefühl, sitzt du auch am Laptop und regelst noch mal irgendwas, sowohl bei unserem Workshop. Als du noch nicht dran warst, saßt du auch ganz fleißig da.
Und jetzt auch hier, als ich angekommen bin, saßt du auch schon wieder an der Arbeit. Das erfordert dir wahrscheinlich aber auch sehr viel Selbstdisziplin. Oder wie empfindest du das?
[Vanessa Spiegel]
Ja, natürlich, auf jeden Fall, klar. Generell, ich glaube, dass es einfach so viele nachempfinden, die selber Kinder haben, dass man natürlich anfängt, sich ganz anders zu priorisieren und selbstdiszipliniert zu sein, weil man weiß, man hat bestimmte Dinge noch zu regeln. Und das Gesamtkonstrukt muss irgendwie funktionieren.
Und da nutze ich natürlich jede Chance, mich mal kurz um irgendwas Kleines zu kümmern.
[Merlene]
Aber gut, dass du das auch kannst. Ich brauche manchmal schon so ein längeres Zeitfenster, um mich auf was konzentrieren zu können. Und bin dann eher so wuselig, wenn ich das so zwischenzeitlich mache.
Das ist auf jeden Fall auch echt ein Skill. Wir sind jetzt aber auch noch nicht am aktuellen Punkt deines Lebenslaufs. Jetzt bist du Director Logistics bei Tom Taylor.
Wie ist dieser Sprung dann gekommen oder entstanden?
[Vanessa Spiegel]
Ich bin nach der Elternzeit unserem Sohn zurückgekommen, habe die Rolle dann noch 1,5 Jahre weitergemacht und habe damals aber dann schon signalisiert bei Tchibo, dass ich Lust hätte, mich noch zu entwickeln, noch was anderes zu machen. Und dann auch Teil eines Talentprogramms gewesen, wo wir solche Gespräche auch geführt haben, hinsichtlich Entwicklung. Und damals für mich einen cross-funktionalen Step gemacht, habe 2021 den strategischen Einkauf übernommen.
Also raus aus der Logistik, strategischer Einkauf für Non-Food-Bereich. Das bedeutete dann eigentlich, dass man den operativen Einkauf dabei unterstützt und bestimmte Projekte für den operativen Einkauf macht, um Vereinbarungen zu haben, bestimmten Lieferanten, die strategisch wichtig sind, wo man dann auch über Rohstoffeinkauf, Rohstoffblockierung, Kapazitäten-Einkauf und solche Themen gesprochen hat. Das habe ich dann übernommen und hatte ein kleines Team von 4 oder 5 Personen, von einem Team von über 20 Mitarbeitern kommt.
Auch ein ganz anderer Schritt nochmal, weil es plötzlich keine repetitiven Aufgaben mehr waren im Tagesgeschäft, sondern eher strategisch. Alle haben ihre eigenen Projekte gehabt. Die Probleme und Herausforderungen, die die Mitarbeiter haben, sind dann ganz andere.
Und für mich selber zu erkennen, dass das trotzdem auch eine werthaltige Aufgabe ist und das nicht einfach nur korreliert mit der Teamgröße, das war dann auch nochmal so ein ganz entscheidender Step. Andere Themen für sich nochmal zu erschließen, war auch total spannend. Und das habe ich 1,5 Jahre gemacht und dann bin ich nochmal schwanger geworden und unsere Tochter ist auf die Welt gekommen.
Und als ich zu dem Zeitpunkt in Elternzeit war, bzw. ich war im Mutterschutz, habe ich einen Anruf bekommen. Und das war dann Tom Taylor, die mir diese Rolle in der Logistik vorgestellt haben.
Und ich selber dachte in dem Moment, okay, ihr wollt doch gar nicht mit mir sprechen. Ich bin gerade schwanger, ich bekomme in 4 Tagen ein Kind. Und danach mache ich erst mal 6 Monate Pause.
Also ich glaube, das wollt ihr gar nicht. Und mir wurde dann relativ schnell signalisiert, hey, wenn der Fit gut ist, dann wäre das für uns kein K.O.-Kriterium. Das fand ich spannend. Und dann war für mich natürlich auch so Back to the Roots, Logistik im größeren Umfang, mit breiterer Rolle, absolut spannend, sodass ich mir das mal angehört habe.
Und ich weiß noch, dass ich in dem Recruiting-Prozess Gespräche hatte. Am Anfang war es über Teams. Und da haben wir noch drüber gescherzt, dass ich kurz vor dem Stichtag war.
Und dann hieß es immer so, ja, können wir morgen noch mal ein Gespräch führen? Ja, mal schauen. Wir haben das Verfahren weitergeführt.
Da war meine Tochter 9 Tage alt. Natürlich, das war mein eigener Wunsch. Ich hätte jederzeit auch sagen können, ich brauche noch ein bisschen Zeit.
Und dann habe ich verschiedene Gespräche bei Tom Taylor geführt. Mein Mann war dann teilweise mit der Kleinen auf dem Hof und hat mich immer auf dem Handy angeklingelt, wenn sie geweint hat. Irgendwann haben wir dann auch gesagt, okay, es waren insgesamt 10 Gespräche.
Und dann, ich glaube, nach dem dritten hat er auch gesagt, hey, ich muss das auch koordinieren hier mit meinem Job. Und es funktioniert nicht. Und dann habe ich sie immer mitgenommen einfach.
In den Teams-Call? Nee, vor Ort, in die Gespräche.
[Merlene]
Ich war dann vor Ort.
[Vanessa Spiegel]
Und habe sie mitgenommen in die Gespräche. Und dann musste ich sie auch zwischendurch mal stillen. Und das war dann für mich relativ schnell so der Test.
Funktioniert das hier? Kulturell auch, passen wir zusammen? Ist es für euch okay, dass ich hier meine Tochter mitbringe?
Ja, und es hat super funktioniert. Und als ich dann das Angebot bekommen habe, habe ich dann trotzdem echt noch mal gegrübelt, weil ich dachte, okay, wow, Tchibo hat mir auch echt viel ermöglicht. Zweimal Elternzeit und die Möglichkeit, zurück in meine Rolle zu kehren.
Weil zu dem Zeitpunkt war meine Rolle halt auch nur temporär besetzt. Und es gab halt einen klaren Plan, dass ich zurückkommen sollte auf die Rolle. Und ich wusste das halt zu schätzen.
Und habe dann halt überlegt, okay, ist es jetzt das richtige Risiko einer Probezeit, wenn du ein 6 Monate altes Kind zu Hause hast? Ist es das, was du willst? Also ich habe dann halt echt überlegt, ist es jetzt so das Richtige für dich, nach der Elternzeit in eine Probezeit, in einem Umfeld, jetzt gerade Krise im Fashion-Bereich, das ist ja auch riskant einfach.
[Merlene]
Welches Jahr war das?
[Vanessa Spiegel]
2023. Also ich bin, in 22 war der Recruiting-Prozess, in 23 bin ich gestartet.
[Merlene]
Inwiefern Krise?
[Vanessa Spiegel]
Man merkt halt einfach durch Post-Corona, dass das Einkommen, was die Menschen zur Verfügung haben, schnell wieder in Dinge investiert wurde, die sie lange nicht machen konnten. Also viel Konsum Richtung Reise, Konsum weg von den Dingen, die du in der Corona-Phase viel gemacht hast.
Also viel Fashion gekauft, viel Möbel gekauft usw. Aus diesen Segmenten ist der Konsum dann so ein bisschen rausgegangen. Und dann kam natürlich auch der Krieg in der Ukraine, hohe Inflation, einfach viel Volatilität, die dann dazu geführt hat, dass es einfach ein bisschen kriselt in dem ganzen Umfeld.
Rückkehr zum stationären Handel, Einbruch von Online, also so ganz viele verschiedene Dinge. Ja, aber long story short, ich hab dann halt irgendwie für mich entschieden, okay, wann hat man schon so eine Chance? Hab mich dann natürlich auch irgendwie zu Hause nochmal mit meinem Mann unterhalten, weil das funktioniert dann ja auch immer nur, wenn beide an einem Strang ziehen.
Der hat auch gesagt, let's go. Also wie viele Möglichkeiten hast du mal, so was zu machen? Du kannst jetzt ja auch nicht sagen, in fünf Jahren kommt die Möglichkeit nochmal, mach das halt.
Ja, und dann hab ich das gemacht und bin jetzt seit eineinhalb Jahren da und total happy, dass ich es gemacht hab. Einfach nur, weil ich nach der kurzen Zeit schon für mich sagen kann, dass ich so viele Themen wieder für mich neu erschlossen hab, was mir einfach total viel Freude macht. Was für Themen?
Einmal ist es, dass ich natürlich irgendwie so eine andere Rolle hab als vorher. Im Vergleich dazu kann man schon sagen, Tchibo eher konzernig in der Head-off-Struktur. Ich hab gar nicht unbedingt immer direkt mitbekommen, welche Themen gerade in der Geschäftsführung relevant waren.
Tom Taylor dazu im Vergleich, Mittelstand, deutlich kleiner. Ich bin Teil des Management-Teams. Mein Chef ist COO und CFO und dann gibt es noch den CEO.
Und das Management-Team muss halt in einer ganz anderen Tragweite zusammen entscheiden. Oder du kriegst halt auch viel mehr mit über den Tellerrand. Allein das hat mich echt nochmal für mich persönlich einen Schritt nach vorne gebracht.
[Merlene]
Das heißt, es sind quasi drei Hierarchiestufen. Also Mitarbeiter, Manager und dann C-Level.
[Vanessa Spiegel]
Also die Geschäftsführung besteht aus einem COO und einem COO-CFO in einer Person, also zwei Personen. Und die haben um sich herum ein Management-Team von 15 Menschen. Und wir kommen zusammen und entscheiden, in welchen bestimmten Bereichen wir was tun müssen für das Unternehmen.
[Merlene]
Aber es gibt darunter nicht nochmal Manager?
[Vanessa Spiegel]
Es gibt Head-offs und Manager auch darunter. Aber ich selber war dann plötzlich Director und Teil dieses Management-Teams. Das ist so ein Informationsgehalt, zu dem ich keinen Zugang hatte in der Tchibo-Welt, sagen wir es mal so.
Das hat mich nochmal vorangebracht. Aber auch fachlich machen wir gerade eine riesengroße Ausschreibung im Bereich Warehousing. Also die Kontaktlogistik und selber mit dem Team so ein Thema zu stemmen.
Es gibt einige prozessuale Herausforderungen, was dazu führen wird, dass wir das ERP-System einmal komplett umbauen müssen.
[Merlene]
Was ist das?
[Vanessa Spiegel]
SAP sagt ja Enterprise Resource Planning. Also das Kernsystem eines Unternehmens, mit dem du die Geschäftsprozesse steuerst. Da müssen wir halt einiges umbauen.
Und das ist für mich halt auch einfach nochmal eine riesengroße Herausforderung, so ein Megaprojekt da einfach machen zu dürfen mit der Truppe. Das macht mich enorm stolz. Das motiviert mich auch.
Von daher war es auf jeden Fall die richtige Entscheidung.
[Merlene]
Ich finde es auch sehr interessant, was für eine große Rolle dann auch wirklich der Lebenspartner spielt. Im Sinne von, der muss ja auch mitspielen. Ich finde es auch immer schön, wenn dann der Partner gefunden wird, der einen unterstützt in seiner Selbstverwirklichung.
Hat dein Partner auch Elternzeit genommen?
[Vanessa Spiegel]
Er hat zweimal einen Monat genommen. Also das ist, ich glaube, für die Verhältnisse heute immer noch relativ klassisch. So zu sagen, er war derjenige, der beide Kita-Eingewöhnungen bei uns gemacht hat und sich auch darum gekümmert hat.
Und wenn man sich umschaut, ist es heute halt oft nicht mehr diese klassische Rollenverteilung, wie sie war. Ich weiß, als ich klein war, dass meine Mutter immer diejenige war, die sich darum gekümmert hat, dass ich Essen auf dem Tisch hatte, die mich wickeln konnte und, und, und. Und dass viele meiner Bekannten, wenn man dann mal diese Gespräche führt, ähnlich aufgewachsen sind.
Bei unseren Kindern gab es das nie. Zu jeder Zeit konnte mein Mann alles, was mit den Kindern zu tun hat, so wie ich es auch konnte. Und natürlich kann er auch einige Sachen besser.
Also bis heute ist er derjenige, der die Kinder viel besser ins Bett kriegt als ich. Wir tanzen ja so ein bisschen auf der Nase rum. Also da haben wir schon jeder so seine Schwerpunkte und das ist sehr, sehr gleich.
[Merlene]
Eine Frage, die ich allen Gästen stelle, ist, mit deiner jetzigen Erfahrung, hast du einen Rat, den du deinem jüngeren Ich geben könntest? So vielleicht mit 18, 20, hast du eine Weisheit, die du weitergeben könntest?
[Vanessa Spiegel]
Oh, natürlich ist es halt immer enorm schwierig zu sagen, jetzt einfach, hey, mach mal. Weil natürlich hat das immer seinen Grund, weil man in dem Bereich noch nicht die Erfahrung hat, bestimmte Verhaltensweisen zu zeigen. Was ich selber extrem hatte, als ich jung war, war, ich war ungeduldig und wollte für mich halt immer höher, schneller, weiter.
Und wenn ich jetzt so darauf zurückgucke, haben mir dann natürlich damals auch Menschen gesagt, die schon 10, 15 Jahre im Berufsleben waren, so entspann dich mal. Manche Schritte dauern einfach ein bisschen länger. Das hat auch sehr einen guten Grund, weil du musst bestimmte Skillsets für dich erschließen.
Und dazu gehört halt manchmal auch, genau einmal geduldig zu sein. Das wollte ich natürlich überhaupt nicht hören zu dem Zeitpunkt. Und jetzt mache ich dieselben Erfahrungen mit jungen, ambitionierten Menschen, mit denen ich dann zusammenarbeiten darf.
Und es ist natürlich enorm schwer, wie transportiert man das? Diese Ungeduld hat ja auch ganz viele positive Facetten. Das sind ja ambitionierte Menschen, die Bock haben, was zu bewegen, die das Gefühl haben, sie wollen wirksam sein.
Aber der Start, das sind halt oft keine irren Jahre. Das kommt halt nicht sofort nach dem Studium, dass du vielleicht das verdienst, was du denkst, würdest du verdienen. Dass du die Verantwortung hast, die du gerne hättest.
Und dass du jeden Tag das Gefühl hast, du hast jetzt irgendeinen enormen Beitrag geleistet.
[Merlene]
Also Geduld, es kommt. Aber ambitioniert bleiben, aber auch geduldig.
[Vanessa Spiegel]
Auf jeden Fall. Also da halt irgendwie einen guten Weg für sich zu finden. Und dann halt auch das, was man für Möglichkeiten hat in dem Umfeld, in dem man hat, für sich als positive Erfahrung zu machen.
Ich sage mal, viele junge Menschen, die ins Berufsleben starten, die haben halt erst mal mit operativen Aufgaben zu tun. Und dann denken sie so, ja, das ist aber total repetitiv. Und ich habe das jetzt einmal gemacht und ich weiß jetzt, wie das funktioniert.
Aber vielleicht für sich selber so ein Stück weit zu sagen, hey, der Ablauf ist so und wie kann ich den denn optimieren? Und wie kann ich denn zum Beispiel anderen Kollegen beibringen, bestimmte Dinge noch zu machen? Also das ganze, große Ganze zu betrachten und zu gucken, was man da im kleinen Kontext noch an Verbesserungen schaffen kann, um das Leben für dieses Team besser zu machen.
Das ist manchmal schwierig, aber da muss man sich, glaube ich, selbst auch so ein Stück weit austricksen manchmal und intrinsisch motivieren für bestimmte Themen.
[Merlene]
Dann ganz, ganz herzlichen Dank, dass du so offen warst über deine Karriere, Familie, übers Leben generell. Ich konnte sehr viel mitnehmen. Alleine, dass man für so ein Bewerbungsgespräch in der Führungsebene zehn Gespräche hat, wusste ich vorher nicht.
Aber gut, jetzt bin ich etwas besser vorbereitet. Ganz, ganz herzlichen Dank für alles.
[Vanessa Spiegel]
Vielen, vielen Dank, dass ich dabei sein durfte.
[Transkript Ende]
Was wir aus Vanessas Geschichte lernen können
Vanessa Spiegel zeigt, dass Leadership nicht darin besteht, alles perfekt zu planen, sondern den Mut zu haben, Verantwortung zu übernehmen – auch ohne vollständige Sicherheit. Ihre Geschichte macht deutlich, dass Karriere und Familie kein Widerspruch sein müssen, wenn Klarheit, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung vorhanden sind. Female Leadership bedeutet hier nicht Anpassung, sondern bewusste Gestaltung.
Hör hier die ganze Folge mit Vanessa.




